Mittwoch, 30. März 2011

Bäume pflanzen zum Land Day

Am Palestinian Land Day gedenken Palästinenser weltweit dem 30. März 1976, als die israelische Regierung ankündigte, Tausende Dunums palästinensischen Landes (ein Dunum bezeichnet die Fläche, die ein Mann an einem Tag pflügen kann und entspricht etwa 1000 m²) zu enteignen. Daraufhin riefen Palästinenser zum Generalstreik auf, sechs Araber wurden von der israelischen Armee getötet, etwa hundert verletzt und weitere hundert gefangen genommen.


Landschaft nahe Husan

Jedes Jahr zum Land Day gibt es zahlreiche Aktionen, die helfen palästinensisches Land zu schützen, das ständig bedroht ist vom Siedlungsbau. Denn laut osmanischem Gesetz, auf das sich Israelis im Westjordanland berufen, steht Land, das zehn Jahre lang brach liegt, der Allgemeinheit zur Verfügung. Genauso gilt ein Feld oder eine Plantage als öffentlich, wenn die Fläche drei Jahre lang nicht bearbeitet wurde. Für den Siedlungsbau sind das gute Voraussetzungen: Palästinensischer Häuser werden abgerissen, weil Baugenehmigungen fehlen, Setzlinge auf den Feldern werden entwurzelt, um freie, vermeintlich verlassene Flächen zu schaffen, die wiederum als Bauland dienen.



Die lila eingefärbten Flächen sind jüdische Siedlungen, Husan befindet sich westlich von Bethlehem und ist eines der letzten arabischen Dörfer in der Umgebung

Der kleine Ort Husan liegt westlich von Bethlehem und hat den Siedlungsbau, der in den 80er Jahren begann, als einziges von drei Dörfern überlebt. 1985 wurde hier Betar Illit gegründet, mit etwa 25 000 Einwohnern die zweitgrößte jüdische Siedlung im Westjordanland. Der Großteil der Bewohner sind ultraorthodoxe Juden. Vor drei Jahren zerstörten sie Felder in der nächsten Umgebung, betroffen davon waren auch die Bauern von Husan.



Der Landbesitzer hilft beim Pflanzen, im Hintergrund erhebt sich mitten im arabischen Chaos die absurd ordentliche Siedlung Betar Illit

Zum Land Day folgten heute deshalb eine Reihe von palästinensischen und internationalen Freiwilligen dem Aufruf der Organisation Holy Land Trust und zogen los, um auf dem freien Feld Olivenbäume zu pflanzen.


Kollektives Pflanzen von Olivenbäumen als Zeichen gewaltlosen Widerstandes


Ein jüdischer Journalist erklärt seine Sicht der Dinge

Dienstag, 29. März 2011

A propros Maurerberuf

Am Sonntag waren wir in Jerusalem um gleich hinter der Klagemauer den Tempelberg zu besuchen.


Wir stellten uns in eine Reihe mit 200 anderen Besuchern und warteten darauf durch den Metalldetektor zu gehen. Ein Mann vor mir hatte in seinem Rucksack einen Flachmann, so einen wie es die bei Netto an der Kasse, direkt neben den Schokoriegeln und den Kaugummis, gibt. Hinter uns hatten sie Rucksäcke mit Saugschläuchen wie aus dem Film „127 Hours“.


Die Saugschlauchfraktion kam ohne Probleme durch die Kontrolle, der Mann mit dem Flachmann aber fiel durch.


„Was isn da drin?“

„Aqua!“

„Aquawas?“

„Aquavit.“

„Nee, du kommst hier nicht rein, basta!“


So schlich sich der Mann also wieder davon.


Der Felsendom in seiner Pracht, rein dürfen nur Muslime, um ihn herumlaufen dürfen auch die Touristen


Drinnen oder oben drauf war es schön. Das Gelände des Tempelberges entpuppte sich als eine Art Park, in denen Muslime picknickten, diskutierten oder Fußball spielten. Bis plötzlich alle Kinder aufhörte dem Ball hinterher zu hecheln, denn einer der Jungs hatte etwas viel Aufregenderes entdeckt, etwas was ihn in Zukunft immer häufiger vom Ballspielen ablenken wird. Er hatte etwas entdeckt, was eigentlich auf die Baustelle oder zu einem Weight-Watcher-Teffen gehört, aber auf keinen Fall etwas, was die Menschen an der drittheiligste Stätte nach Mekka und Medina erwartet hätten: Das Maurerdekolletee einer Amerikanerin. Völlig unbehelligt saß sie in der Sonne und biss in ihr Erdnussschinkencheesesandwich, während die Jungs damit begannen um sie herum zu schlendern und zu lachen.



Als schließlich einer der Jungs sich hinter sie setzten, wurde es uns zu viel. Mit viel Mut, den braucht man bei solch einem Vorhaben, sprach Susanne die Dame an, um sie davon in Kenntnis zu setzen, dass der ganze Islam gerade in diesem Moment auf ihre Ritze starre. Die Frau aber muss sich in einer Art Sonne-Erdnussschinkencheesesandwich-Trance befunden haben, denn sie lächelte nur und ließ die Hose da, wo sie hing.

Montag, 28. März 2011

Ein Leben danach

In meinem nächstem Leben werde ich Maurer in Israel,
die halten es hier wie der italienische Fußball:
Mauern, mauern, mauern.

Sonntag, 27. März 2011

Die Flüchtlinge und ihr Schlüssel zum Glück

1948 und nach dem Sechstagekrieg 1967 flohen Hunderttausende Palästinenser aus ihrer Heimat. Viele von ihnen leben heute im Libanon, in Jordanien oder in anderen arabischen Ländern in Flüchtlingscamps, die zwar längst keine Zeltstädte mehr sind, aber deren Charakter sich stark von den einheimischen Vierteln der Städte unterscheidet. In den meisten Ländern bilden Palästinenser eine Minderheit, außer in Jordanien haben sie keine staatsbürgerlichen Rechte.

In und um Bethlehem im Westjordanland gibt es drei solcher Flüchtlingslager: Daheishe, Beit Jibrin und Aida, in dem auch ich untergekommen bin. Äußerlich unterscheiden sich die Camps von den anderen Stadtvierteln vor allem durch ihre engen Gassen und die dicht an dicht gebauten Häuser.

Der Eingang zum Aida Camp


Etwa 5000 Menschen leben im Aida Camp, die meisten sind jünger als 25. Alle Bewohner haben Zugang zu Wasser und Strom, dafür sind die Straßen kaputt, überall liegt Müll, Abwasserkanäle sind nicht besonders gut ausgebaut. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) nennt als eines der größten Probleme im Aida wie auch in anderen Camps die hohe Arbeits- und Perspektivlosigkeit: 43 Prozent der Bewohner haben keine Arbeit.

Trotzdem begegnen wir in unserer nächsten Umgebung keinen hoffnungslosen Menschen. Im Gegenteil: Die Leute sind freundlich, offen und hilfsbereit. Bei unseren Nachbarn waren wir abends schon oft zu Besuch und auch die Frauenparty von letzter Woche fand bei einer netten Bewohnerin des Aida Camps statt.


Die Palästinenser hier haben etwas gemeinsam, was sie stärkt: Sie alle mussten irgendwann ihre Heimat verlassen, Dörfer, die heute oftmals nicht mehr existieren. Der Handala-Erfinder Naji al-Ali wurde beispielsweise in dem ehemals palästinensischen Dorf al-Schajara geboren, an dessen Stelle mittlerweile die jüdischen Siedlung Ilaniyya steht.

Der Schlüssel als Symbol für palästinensische Flüchtlinge, hier ein Eingang zum Aida Camp


Die Liste ehemaliger palästinensischer Dörfer, die aus unterschiedlichen Gründen den Israelis weichen mussten, ist lang, Wikipedia listet etwa 500 Namen auf. Und obwohl die Vertreibung vor Jahrzehnten stattgefunden hat und nachfolgende Generationen längst an einem anderen Ort leben, führen die vertriebenen Menschen und deren Nachfahren ein Leben auf Abruf und bestehen auf ihrem Recht zurückkehren zu dürfen, das von Israel bis heute abgelehnt wird. Egal, ob ihr Haus noch steht oder ob sie ihr Heimatdorf je mit eigenen Augen gesehen haben - die Palästinenser im Flüchtlingscamp besitzen alle mit großer Sicherheit noch den einen Schlüssel, der für sie symbolisiert: Eines Tages werden wir nach Hause zurückkehren.

Samstag, 26. März 2011

Nichtstun im Sonnenschein

Ja, tatsächlich. Es gibt Tage, an denen einfach nichts los ist, keine Bomben, keine Tränen, kein Entsetzen, keine heißen Diskussionen über politische Themen - einfach mal nichts. Heute war so ein Tag. Er begann spät mit gutem Frühstück, plätscherte vor sich hin, als wir uns nach drei kalten Regentagen in Folge im Sonnenschein auf dem Dach ausstreckten, um später ein bisschen durch die Stadt spazieren - ein Sandwich hier, ein Orangensaft dort.


Die Altstadt Bethlehems im Sonnenschein

Na gut, ein bisschen Politik war dann doch dabei. Denn die palästinensische Jugend schläft nicht etwa, seit sie vor knapp zwei Wochen auf die Straße ging, um für Einheit zwischen Fatah und Hamas zu demonstrieren.



Die Demonstrationen für palästinensische Einheit gehen weiter, wie hier auf dem Krippenplatz in Bethlehem

Seit dem 15. März steht auf dem zentralen Platz Bethlehems (wie auch in anderen Städten Gazas und des Westjordanlands) ein Zelt, in dem mehrheitlich Studenten ausharren und mit Aktionen auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Heute tanzten Jugendliche Dabka, den traditionellen Tanz Palästinas, später gab es Filmvorführungen. Wir verzichteten allerdings auf zu viel Politik und kehrten lieber in ein nettes Café ein, um über Belangloses zu plaudern. Auch schön.


Ein Dabka-Tänzer nach seinem Auftritt

Freitag, 25. März 2011

Checkpoint 300

So heißt der Durchgang von Bethlehem in Richtung Jerusalem. Als ich ihn heute morgen gegen fünf passieren wollte, um Marc entgegen zu gehen (der übrigens wohlbehalten angekommen ist), war ich erstaunt, so wenige Menschen zu sehen. Ich hatte irgendwie mehr Trubel erwartet, Vordrängler und Streit, aber es ging zügig und so gesittet vor, dass Männer mir den Vortritt ließen, obwohl ich es offensichtlich nicht so eilig hatte zur Arbeit zu kommen wie sie.

Der Eingang zu Israel, das hinter der Mauer offiziell noch gar nicht beginnt

Den Checkpoint zu passieren mitsamt aller Unannehmlichkeiten (Gürtel aus, Schuhe aus, Jacke aus, Taschen leeren, alles durch den Scanner schieben und hinterher zügig wieder anziehen, damit niemand warten muss) ist offenbar zur Routine geworden. Genauso wie der demütigende Moment, in dem die Frauen und Männer auf die Gnade des Soldaten angewiesen sind, der gelangweilt in seinem Glaskasten sitzt und sich die Ausreisegenehmigungen anschaut, die vor seiner Nase an die Scheibe gepresst werden: Ein prüfender Blick, ein Näherkommen, um alles ganz genau anzuschauen und dann, fast ein bisschen enttäuscht, ein kurzes Kopfnicken - hau schon ab.


Bethlehems Nachbardörfer im Sonnenaufgang

Als wir schließlich gegen sieben zurück nach Bethlehem gingen, standen die Palästinenser so dicht gedrängt, dass ich den Weg kaum noch fand. Ein Mann, den ich fragte, wo der Gang nach Bethlehem sei, schaute mich kurz ungläubig an, vergewisserte sich noch einmal, ob ich wirklich nicht nach Jerusalem raus wolle, sondern rein nach Bethlehem, und deutete dann auf den Ausgang. Komische Fremde, muss er sich gedacht haben. Während wir alles versuchen, um in Richtung Israel zu kommen, spazieren die beiden sorglos in die andere Richtung gen Bethlehem. Und da sind wir nun wieder.

Bethlehem-Besucher, die den Checkpoint passiert haben, führt der Weg auf der anderen Seite zuallererst durch diesen Gitterkäfig.

Donnerstag, 24. März 2011

Bethlehem ist nicht Jerusalem

Vielleicht klingt das seltsam, aber mich hat der Anschlag in Jerusalem fast genauso wenig berührt, wie wenn ich in Deutschland aus dem Fernsehen davon erfahren hätte. Ich saß zu der Zeit im Büro in Bethlehem, dachte an Anja und ihre Mutter, die gerade in Jerusalem waren und an Moritz, der seinen Bruder zum Flughafen bringen wollte und fast eine der Buslinien genommen hätte, die am Ende schwer beschädigt auf dem Busbahnhof standen. Das Netz war belegt, wir konnten keinen der beiden sofort erreichen, trotzdem machte ich mir keine großen Sorgen - was für ein Zufall, wenn gerade sie es getroffen hätte.

Auch am Abend, als wir bei einer befreundeten Palästinenserin zu einer Frauenparty eingeladen waren und dort in die Runde fragten, was sie und ihr Mann zum Anschlag sagten, gab es erst einmal eine längere Pause, in der sie ihre Gedanken sammelten. Ich glaube, so richtig kam bei niemandem an, dass nach drei Jahren relativer Ruhe plötzlich wieder eine Bombe explodiert ist, dass Menschen verletzt wurden und eine Frau sogar starb.

Vielleicht denken die Menschen im Westjordanland auch erleichtert, sie seien nicht betroffen. Immerhin waren es vor allem Juden, die diese eine Buslinie benutzten, Araber benutzen ihre eigenen klapprigen Minibusse. Auch ich fühle mich hier weiterhin sicher, der Alltag in Bethlehem geht weiter, die Leute hier haben andere Probleme als eine Bombe in Jerusalem - da können sie von hier aus sowieso nicht ohne Weiteres hin.

Trotzdem hoffe ich natürlich, dass sich der Vorfall nicht wiederholt und dass diese winzige Hoffnung auf Einigung zwischen Fatah und Hamas, die durch die Demonstrationen junger Palästinenser am 15. März hervorgerufen wurde, nicht durch neue Gewalt begraben wird.

Gaza ist schon seit ein paar Tagen wieder Ziel israelischer Bomben, die wiederum auf Raketen und Mörsergranaten antworteten. Acht palästinensische Zivilisten wurden in den letzten Tagen getötet, nach heutigen israelischen Angriffen auf Gaza gab es drei Verletzte.

Ein Korrespondent von n-tv schreibt dazu:

Die Raketenangriffe auf Israel sind offenbar Ablenkungsmanöver der Hamas, um vom eigenen Unterdrückungsregime abzulenken und Israel zu provozieren. Die Weltgemeinschaft täte gut daran, bei den Vorgängen in Gaza nicht wegzuschauen und zu schweigen.