Montag, 7. März 2011

Weiße Weihnacht im heiligen Land

Die Geburt Jesu oder alles, was mit ihr zusammenhängt, ist hier ständig präsent. In den Souvenirshops werden regalweise geschnitzte heilige Familien, Miniaturkrippen oder Kreuze verkauft, gern mit einem Tropfen heiligen Wassers, einem Brocken heiliger Erde oder einer heiligen Inschrift. Weihnachtsschmuck gehört zum Stadtbild Bethlehems.

Auch im Hochsommer wird dieser Weihnachtsbaum ausharren.

Da passt es auch, dass wir gerade vor einem verspäteten Schneesturm gewarnt wurden, der in den nächsten Tagen über uns hereinbrechen soll. Kaum zu glauben bei Temperaturen um die 13 Grad.

Na dann, frohe Weihnachten.

Sonntag, 6. März 2011

Handala

Lebenslauf eines Jungen


Der Junge ging zu einem Vergnügungspark,

zwei Straßen entfernt von seiner Straße

Unterwegs geschah ihm vieles

- zu unwichtig, um es zu erzählen -

Nach dem langen Spaziergang kam er an,

aber...

erst da entdeckte er,

dass nur Kinder Zutritt haben


Vielleicht kann man diesem Jungen, den der palästinensische Dichter Marwan Makhoul beschreibt, sogar einen Namen geben: Handala.



Der palästinensische Cartoonist Naji al-Ali rief diese Comicfigur 1969 ins Leben. Handala ist ein etwa zehnjähriger Junge, barfuß, in abgerissener Kleidung. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen beobachtet er das Geschehen. Er steht an der Mauer in Bethlehem, sieht Menschen aufeinander schießen oder liegt im Schoß der weinenden Freiheitsstatue.



Wie auch sein Erfinder muss Handala im Alter von zehn Jahren aus seiner Heimat fliehen und kann nicht zurück. Naji al-Al sagte einst über ihn:


"At first he was a Palestinian child, but his consciousness developed to have a national then a global and human horizon. He is a simple yet tough child, and this is why people adopted him and felt that he represents their consciousness."

So ist Handala zum Symbol palästinensischer Flüchtlinge geworden. Als stiller Beobachter durchlebt er das, was auch dem machtlosen Palästinenser widerfahren ist: Vertreibung, Unterdrückung – Handala ist immer dabei, still und doch präsent.



Naji al-Ali starb 1987 im Alter von 51 Jahren an den Folgen eines Attentats. Als Kritiker der israelischen Besatzungspolitik war er bei Israelis genauso wie bei Führern arabischer Länder, denen er Untätigkeit vorwarf, unbeliebt. Wer Naji al-Ali umbrachte, konnte nicht geklärt werden.


Handala lebt indes weiter. Auf Wänden, als Schlüsselanhänger und Aufdruck auf T-Shirts erinnert er daran, dass es da immer noch diese Sache gibt, die nicht geklärt wurde: Wird er nach Hause zurückkehren können?

Samstag, 5. März 2011

Machtkämpfe

Walaja ist ein verschlafener Ort. Der Taxifahrer kennt die Einwohner mit Namen, ein Zentrum, sagt er, gebe es nicht. Die Häuser sitzen verstreut in den grasgrünen Hügeln, Schafe streunen blökend über das terrassenartige Gelände, die Mandelbäume blühen, ein stahlblauer Himmel überspannt die Szene – das perfekte Postkartenmotiv. Läge da nicht eine Spannung in der Luft, die die 3200 Seelen des Dorfs umgibt, ein Gemisch aus Ärger, Angst und Frustration.

Walaja liegt nördlich von Bethlehem, im Tal beginnt Westjerusalem, nicht weit davon haben Israelis die Siedlungen Gilo und Har Gilo aufgebaut. Diese Siedlungen, so die offizielle israelische Ansage, gilt es vor palästinensischen Übergriffen zu schützen. Und für richtigen Schutz muss eine Mauer her. Im April 2010 fingen die Bauarbeiten an: Wo früher Mandeln, Avocados und Oliven wuchsen, prangt nun der erste Teil einer massiven Mauer aus Beton. Auch ein Pinienwäldchen musste weichen – alles offiziell aus Sicherheitsgründen.

Vor wenigen Jahren wuchsen hier noch Oliven und Mandeln, heute steht Shirin Al-Araj auf dem zukünftigen Weg der Mauer


Shirin Al-Araj ist wütend. Seit letztem Jahr kämpft die Bewohnerin von Walaja verbissen für einen Baustopp, das Land der palästinensischen Dorfbewohner will sie nicht so einfach den Israelis überlassen. „Sie wollen uns ersticken“, sagt die Aktivistin. „Wenn sie eine Mauer bauen wollen, warum verlängern sie nicht die, die sie ohnehin angefangen haben?“

Die östlich von Walaja gelegene jüdische Siedlung Gilo ist bereits teilweise von einer Mauer umgeben, doch die israelischen Behörden entschieden, den neuen Schutzwall zu versetzen. Doch Schutz, so Shirin Al-Araj, biete die Mauer ohnehin nicht, auf die Siedlungen schießen könne man von überall. Stattdessen provoziere das neue Betongemäuer bloß: „Das wird eine Freizeitbeschäftigung für unsere Kinder, die dann Steine gegen die Mauer werfen können.“


Wo unten der Zug fährt, verläuft die Grüne Linie, hier oben wollen Israelis die Mauer bauen


Viel schwerer als die vermeintliche israelische Provokation und der Verlust von Bäumen und Weidegebieten für Schafe wiegen indes die Konsequenzen für die Dorfbewohner: Nach Fertigstellung des Schutzwalls wäre der kleine Ort praktisch eingeschlossen von der Mauer, nur durch einen Checkpoint käme die arbeitende Bevölkerung, meist Angestellte in Jerusalemer Firmen und Banken, nach draußen. Das würde für viele das Ende bedeuten: „Allein im letzten Jahr blieb der Checkpoint in Bethlehem an 61 Tagen geschlossen“, erinnert sich Shirin al-Araj. Wer so oft im Büro fehlt, wird zwangsläufig entlassen. Die Folge: Immer mehr Menschen würden sich für einen Umzug entscheiden, außerhalb der Mauer, wo kein Checkpoint den Arbeitsweg erschwert. „Dann“, sagt Shirin bitter, „hätten sie erreicht, was sie wollen.“ Denn unbewohntes palästinensisches Land kann von Israelis wiederum zum Militärgebiet erklärt werden und den Palästinensern bliebe ein Stückchen weniger.

Am Sonntag entscheidet sich, ob der Fall Walaja das Oberste Gericht Israels erreichen wird. Es wäre wenigstens eine kleine Chance für eine gerechte Lösung. Doch selbst Shirin sieht wenig Hoffnung: „Wie viel wert ist mein Wort gegenüber ihrem?“

Donnerstag, 3. März 2011

Barbecue


Angrillen mit netten Leuten aus aller Welt und unterschiedlichen Religionen auf der Terrasse. Mit Falafel, Fleischbällchen und echten Würstchen aus Schweinefleisch - und der mehrere Meter hohen Betonmauer direkt nebenan. Auch das ist Leben in Bethlehem.

Das Leben der Anderen

Die Aufgabe der deutschen Redaktion ist es, vom alltäglichen Leben im Westjordanland zu erzählen. Deshalb machten wir uns gestern auf die Suche nach Geschichten, die ja bekanntlich auf der Straße liegen sollen. Unser Ziel: Gilo. Die jüdische Siedlung wurde Anfang der 1970er erbaut, hat etwa 30 000 Einwohner und ist vielleicht einen Kilometer von Bethlehem entfernt, allein die Mauer lässt die Distanz größer erscheinen. Es war meine erste wissentliche Durchquerung des Checkpoints, am Anreisetag hat der Bus irgendeinen einfacheren anderen Weg genommen.

Ein Blick auf den Checkpoint, dahinter liegt Bethlehem

Der Weg vom Westjordanland nach Israel ist wohl immer ein bisschen schwieriger als hinein ins palästinensische Gebiet. Am Vormittag stand dann auch promt eine aufgeregte Gruppe von Palästinensern vor dem verschlossenen Tor. Wie lang sie dort schon gewartet hatten, als wir kamen, weiß ich nicht. Jedenfalls rief eine Europäerin, die ebenfalls auf die andere Seite wollte und wartete, den Soldaten schon fast ängstlich zu, sie sollten sie doch bitte endlich rausholen. Ein weiteres Tor wurde geöffnet, extra für uns Besucher aus dem Ausland. Und als wir uns solidarisch mit den wartenden Palästinensern zeigen wollten, meinte einer der Wartenden zu uns, das sei zwar sehr freundlich von uns, aber es würde mehr helfen, wenn wir einfach schon den Checkpoint passierten. Eine Minute später durften dann auch die Palästinenser auf die andere Seite.

Direkt hinter der Mauer ist unser Wohnviertel

Die andere Seite, und das wurde mir auch erst wieder bewusst, ist im Übrigen immer noch Territorium der Palästinenser. Denn die Mauer, die seit 2003 um das Westjordanland gezogen wird, fasst weit weniger palästinensisches Gebiet ein, als es mithilfe der Grünen Linie von 1949 vorgesehen war. So wird die Siedlung Gilo von der internationalen Staatengemeinschaft und der UNO als illegale israelische Siedlung eingestuft, da nach Artikel 49, Absatz 6 des Genfer Abkommens über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten die Umsiedlung von Zivilbevölkerung in besetzte Gebiete verboten ist. Die Israelis hingegen nehmen Gilo einfach als Stadtteil Jerusalems wahr.


Etwas Besonderes hat Gilo nicht zu bieten, eigentlich bloß Wohnhäuser und fast menschenleere Straßen. Um unseren Ausflug ein bisschen rechtfertigen zu können, besuchten wir dort Beit HaOr, ein Zentrum für Autisten, in dem zur Zeit ein paar deutsche Volontäre ihren Zivildienst ableisten. Mit ihnen haben wir über ihre Arbeit und das Leben in Israel gesprochen und so auch einen etwas anderen Blickwinkel kennen gelernt. So erzählte einer der Freiwilligen, dass die wenigsten Siedlungen von Extremisten bewohnt seien. Vielmehr wohnten vor allem weniger wohlhabende Juden dort, weil das Leben in den Siedlungen einfach günstiger sei. Auf der anderen Seite gäbe es keine Siedlungen ohne palästinensische Hilfe. Israelische Bauarbeiter, sagte der Freiwillige, habe er noch nie gesehen.

Ein Blick von Gilo nach Beit Dschallah

Im August letzten Jahres wurde in Gilo endlich eine Schutzmauer abgebaut, die wegen anhaltender palästinensischer Attacken aus dem nahe gelegenen Beit Dschallah Anfang des Jahrtausends gebaut wurde. Der Konflikt, über den man, wie Anja auf ihrem Blog so schön beschreibt, nicht nicht reden kann, besteht eben aus vielen Facetten und es ist schwer, sich nicht auf eine Seite ziehen zu lassen. Deshalb war es auch gut, auf der anderen Seite nette Menschen zu treffen, die freundlich auf unsere Fragen antworteten und uns hilfsbereit unterstützten.

Mittwoch, 2. März 2011

The Wall

Anstatt vieler Worte: Ein erster Blick auf die Mauer in Bethlehem, die hier in Bethlehem bunt bemalt und wild beschrieben ist.

Dienstag, 1. März 2011

Erste Eindrücke

As-sabr jamil – Geduld ist schön. Das lernten Marc und ich schon bei unserer letzten Reise durch den Orient. Auch hier in Bethlehem verbringen wir viel Zeit damit, einfach nur mit jemandem zusammen zu sitzen und Tee zu trinken. Bei Verkäufern in ihren Läden, in der Redaktion, bei Leuten zu Hause. Heute habe ich unsere Nachbarn kennen gelernt, eine Familie, die im Stockwerk über uns wohnt. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie selbstverständlich Fremde wie wir hereingebeten werden. Dann sitzen wir ohne viele Worte zusammen, irgendwann wird Tee gebracht, der Fernseher angeschaltet, ein bisschen Smalltalk gemacht und dann gibt es vielleicht auch noch einen Kaffee, süß und schwarz. Ich habe mir erlaubt, nach Milch zu fragen, aber der Hausherr sagte, das sei bei arabischem Kaffee fast schon eine Beleidigung.

Stars & Bucks - eine bekannte, palästinensische Kaffehauskette


Überhaupt habe ich den Eindruck, dass ich das wahre Arabien noch nicht kennen gelernt habe – in Marokko wurde mir immer nur Tee angeboten. Oder eben Milchkaffee à la française. Aber Marokko ist out, das musste ich ebenfalls lernen: So sollte, wer die arabische Sprache lernen möchte, den Maghreb möglichst meiden. Kein Mensch versteht mich und sogar kleinste Kleinigkeiten führen zu Verwirrung. Die Frage „Wo ist die Toilette?“ besteht im Arabischen aus zwei Wörtern. Das arabische Badezimmer ist das Hamam. Für das Miniwörtchen „wo“ gibt es mehrere Varianten. Als ich einen der Redakteure nach dem stillen Örtchen fragte, kam er wenig später an meinen Platz und wollte wissen, wo ich Arabisch gelernt hätte. Denn Marokkaner, so die allgegenwärtige Meinung, sprechen kein wahres Arabisch. Heißt: Ich stehe wieder am Anfang. Mein Nachbar, den wir heute Abend besuchten, sagte, er verstehe Marokkaner so wenig, dass er lieber auf Englisch mit ihnen rede.


Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster


Unsere Nachbarn, die mit uns eines der Flüchtlingscamps nahe der Mauer in Bethlehem bewohnen, erzählten uns außerdem eine tragische, wenn auch nicht ganz außergewöhnliche Geschichte, da andere Palästinenser womöglich Ähnliches erlebten. Nicht weit von unserem Haus steht ein israelischer Kontrollturm, die Soldaten können uns wie den Nachbarn direkt ins Wohnzimmer schauen. Vor einigen Jahren, als es in der Gegend noch nicht so ruhig war wie jetzt, spielten Kinder aus dem Nachbarhaus im Garten mit einer Holzpistole. Die Soldaten schossen, eines der Kinder wurde verletzt. Eine ganze Zeit lang, so erzählte unsere Nachbarin, habe sie sich nach dem Vorfall nicht mehr getraut, auf dem Sofa in Augenhöhe der Soldaten zu sitzen. Die Familie kaufte dicke Vorhänge und saß auf dem Fußboden. Mittlerweile ist die Angst verflogen, aber das ungute Gefühl bleibt, dass der Blick der Soldaten von der anderen Seite jeden Schritt, jede Bewegung verfolgen kann.