Dienstag, 15. März 2011

Keine Revolution, aber ein guter Anfang

Etwa 3000 Menschen versammelten sich heute in Ramallah, um friedlich für nationale Einheit zu demonstrieren. Singend und klatschend, Parolen skandierend und Fahnen schwenkend standen die Demonstranten dicht gedrängt auf dem zentralen Al-Manara Platz, dazwischen wuselten Verkäufer mit Tee und Gebäck. Es war eine schöne Atmosphäre, keine Spur von Aggressionen oder Auseinandersetzung.

Etwa 3000 Demonstranten fanden sich in Ramallah zusammen...

...und riefen Fatah und Hamas zur Einigung auf

Montag, 14. März 2011

Frühling

Auf dem Dach des Wohnhauses den Einbruch der Dämmerung beobachten, wie Lichter ringsherum aufleuchten, im Rücken den Ruf des Imams zum Gebet. Da kommt, obwohl der Ruf von der Mauer mit ihren Wachtürmen widerhallt, für einen Augenblick das Gefühl von Frieden auf.

Arabischer Worship

Etwa zwei Millionen der Palästinenser im Westjordanland sind Christen, das macht knapp acht Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In Bethlehem gibt es unzählige Kirchen, prächtige Bauten wie die Geburtskirche, die für sich beansprucht am genauen Geburtstort Jesu gebaut worden zu sein, und unscheinbarere Gebäude, die lediglich durch windschiefe Kreuze erkennbar sind. Uns hat es in den noch unscheinbareren Kellerraum eines Hauses verschlagen. Wer nicht weiß, dass hier eine Kirche ist (Tipps gibt es zum Beispiel in der christlichen Buchhandlung nebenan), wird sie in ihrem Geheimversteck auch nicht finden.

Es sind Baptisten, die sich hier regelmäßig treffen, am Sonntagmorgen für den Gottesdienst, donnerstags für Gebet und Lobpreis. Wir steigen mit Lobpreis ein, in der Hoffnung, einige bekannte englische Lieder zu hören und mitsingen zu können. Doch die Gemeinde besteht fast ausnahmslos aus Palästinensern und womöglich ist hier das Singen von fremdländischen Liedtexten ebenso verpönt wie in manchen Kirchengemeinden Deutschlands.

Worte aus Psalm 103 an der Wand: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."

Gebet, Andacht, Lieder und der Segen wird auf Arabisch gesprochen, die Heilige Schrift auf Arabisch liegt griffbereit an jedem Platz. Die Stunden des Lobpreises laufen in etwa so ab, wie ich sie auch schon in Deutschland erlebt habe: Klaviermusik untermalt die Worte des Predigers, eingängige Liedzeilen werden so oft wiederholt, dass ich fast mitsingen kann und in der ekstatischen Predigt höre ich einige Worte so häufig, dass ich nun neue, lebenswichtige Worte in meinem Vokabelheft stehen habe: Freiheit, Vergebung, Gnade, Herrlichkeit.

Samstag, 12. März 2011

Ein Freitag in Jerusalem

Freitag ist frei. Das gilt für Muslime wie auch zur Hälfte für die Juden, denn der Sabbat beginnt am Freitagnachmittag. Wir fuhren deshalb nach Jerusalem, um ein bisschen auf Tourismus zu machen. So der Plan.


Programmpunkt 1: Checkpoint.

Zwei Buslinien fahren von Bethlehem aus nach Jerusalem. Die eine umfährt den Checkpoint und startet etwas weiter entfernt von unserem Wohnviertel, die andere Linie fährt erst hinter der Mauer los. Wir entschieden uns für letztere Variante und passierten den Checkpoint. Vor uns warteten schon einige Menschen, es ging nur langsam voran. Ich malte mir zwischendurch aus, was wohl passieren würde, wenn ein Feuer oder ähnliches eine Massenpanik auslösen würde – man käme nicht weg. Eingezwängt in der Menschenschlange, die von Metallgittern zum Checkpoint geleitet wird, hätte man keine Möglichkeit, nach draußen zu kommen. Eine beängstigende Vorstellung.


Am Checkpoint entscheiden Israelis, wer wann rüber darf.


Auf der anderen Seite der Mauer trafen wir auf drei Israelinnen der Organisation Machsam Watch, die täglich an verschiedenen Checkpoints das Verhalten von Soldaten gegenüber den wartenden Menschen dokumentieren. Ihre Anwesenheit war den Soldaten erkennbar unangenehm und bald wurden sie aufgefordert, mehr an den Rand zu gehen und sich nicht in die Diskussion mit einem Palästinenser einzumischen, dessen Tochter ohne Ausnahmegenehmigung nicht auf die andere Seite gehen durfte. „Go home“, sagte der Soldat zu ihm. Pech gehabt.


Programmpunkt 2: Silwan

Silwan ist ein Jerusalemer Viertel südöstlich der Altstadt. Hier befindet sich die Davidsstadt, der älteste Teil Jerusalems. Vor 3000 Jahren soll König David das Gebiet erobert haben, 1850 wurden die ersten Ausgrabungen gemacht, bis heute wurde aber noch nicht alles freigelegt. Das soll nun wohl passieren, bloß stehen auf dem Gebiet Häuser von Muslimen, die das Viertel bewohnen. Und die wollen nicht weg. Unter anderem deshalb finden in Silwan regelmäßig Kämpfe zwischen Muslimen und der israelischen Armee statt, pünktlich nach dem Freitagsgebet beginnt die Schlacht. Mich erinnerte die Szene ein bisschen an den 1. Mai in Berlin: Hauptsächlich junge Männer bewarfen die Soldaten mit Steinen, die Israelis antworteten mit Tränengas und Wasserwerfern. Eine friedliche Demonstration gegen den geplanten Abriss von Häusern hätte mir persönlich besser gefallen, vielleicht haben diese Männer, ohne Arbeit, ohne Perspektive, das Friedlichsein aber auch satt. Dann kommt es gerade recht, wenn israelische Soldaten schwere Geschütze auffahren und sie ein bisschen David und Goliath spielen können.



Hier die Soldaten, auf der anderen Seite Gruppen junger Araber - Steinhagel versus Wasseerwerfer und Tränengas.


Programmpunkt 3: Sabbat
Zurück in der Jerusalemer Altstadt ließen wir noch schnell eine Karfreitagsprozession auf der Via Dolorosa an uns vorbeiziehen, bevor wir uns nach einer kurzen Teepause in einem Schuhgeschäft zur Klagemauer aufmachten. Anja, die wir zufällig in der Stadt trafen, war von einem Juden zu einem öffentlichen Sabbatessen eingeladen worden, am Eingang der Klagemauer wollten wir uns treffen. Wir beobachteten ernste Juden mit großen, schwarzen Hüten oder Pelzmützen, die zum Gebet eilten und Gruppen von Teenagern, die singend im Kreis tanzten. Einen Mann, der uns zum Sabbatessen begleiten sollte, fanden wir nicht.



Riesenparty an der Klagemauer: Überall wird gesungen und getanzt.


Hungrig und durchgefroren landeten wir schließlich in einer Art Armenküche, die uns herzlich empfing und bei der wir neben obdachlosen Jüdinnen (von den Männern trennte uns ein Sichtschutz) schweigsam unser Sabbatmahl einnahmen. Die Frauen waren nicht gerade zum Plaudern aufgelegt, eine Russin machte uns klar, dass sie ihre Lebensgeschichte lieber für sich behalten wolle: Allen war das Essen wichtiger als ein Gespräch mit uns. Die Reste, die wir aufgrund der großen Portionen liegen ließen, packten die Frauen emsig in ihre Plastiktüten. Mir wurde durch dieses kurze Erlebnis einmal mehr bewusst, dass die Israelis noch ganz andere Probleme zu lösen haben als das, was mit den Palästinensern geschieht. Denn was interessiert es obdachlose Jüdinnen oder arme Schriftgelehrte, ob Bethlehem eingemauert wird oder nicht? Ihnen geht es in erster Linie darum, ihr eigenes Leben in den Griff zu kriegen und nicht, ob Palästinenser, mit denen sie wohl kaum in Kontakt kommen, die Möglichkeit haben im Land zu leben wie Israelis auch.

Donnerstag, 10. März 2011

Vitamin B

Neue Leute kennen zu lernen ist in Bethlehem eine Leichtigkeit. Immer wieder kennt jemand jemanden, der jemand anderen kennt, den man dann anrufen und treffen kann und wiederum darüber neue Kontakte knüpfen kann. Die neueste Bekanntschaft machte ich gestern am Journalistenbuffet von Hannelore Kraft, die in Beit Jala einer Fördereinrichtung für beeinträchtigte Menschen ein Fahrzeug spendete.

Drei Mitglieder des Städtepartnerschaftsvereins aus Bergisch Gladbach konnten sich kurzfristig noch unter die Journalisten mischen. Ihr Anliegen: Ein kurzes Wort mit Hannelore Kraft zur geplanten Städtepartnerschaft zwischen Bergisch Gladbach und Beit Jala und ein Foto mit ihr für die Zeitung. Hat geklappt.

Nachdem die Ministerpräsidentin mit dem Journalistenpulk gen Flughafen abgebraust war, blieben wir übrig und kamen darüber zwangsläufig ins Gespräch. Doro, selbst Journalistin, interessierte unsere Arbeit in der Redaktion und ich brachte sie und ihren Mann Werner mit ins Büro, wo wir schließlich selbst Teil eines Artikels wurden, der jetzt auf dem Bürgerportal von Bergisch Gladbach steht.

Die beiden luden uns außerdem ein, bei einem Vortrag über Machsom Watch teilzunehmen, der für die deutsche Reisegruppe organisiert worden war. Doch die Referentin sagte kurzfristig ab und so wurden Susanne und ich spontan zur Attraktion des Abends erkoren: Die Freiwilligen von Bethlehem.

Wir beantworteten Fragen zu unserem Leben in Bethlehem, zu unserer Arbeit und unseren Beweggründen, herzukommen und hörten umgekehrt von den Reisenden, was sie schon erlebt hatten und was sie beschäftigte. Es war ein Tag voller interessanter Begegnungen mit guten Gesprächen. Und selbstverständlich sind wir mit neuen Ideen und Kontakten nach Hause gegangen.

Mittwoch, 9. März 2011

Die Ökos von Beit Sahour

Sie bauen Mauern aus Glasflaschen, schlafen in Betten aus Lehm und Autoreifen, spülen mit Zitronen statt Chemikalien und besitzen ein Plumpsklo, das aussieht wie eine südamerikanische Cocktailbar. Vor drei Jahren gründeten Alice Gray und andere Öko-Aktivisten aus Großbritannien Bustan Qaraaqa, den Schildkrötengarten, ein Permakulturprojekt in Beit Sahour nahe Bethlehem.



Im Frühjahr blüht das Tal von Bethlehem. „Die Landschaft ist so vielfältig, man kann so vieles anbauen, es ist einfach wunderschön hier“, schwärmt Alice. Der Bustan Qaraaqa ist zuallererst ein landwirtschaftliches Experiment: Alice und mehrere wechselnde freiwillige Helfer aus dem Ausland probieren sich hier an unterschiedlichen Pflanzen aus – was wächst, bleibt, der Rest wird aussortiert. Wichtig ist den Ökologen dabei die Nachhaltigkeit beim Anbau. Spülwasser wird zum Bewässern der Pflanzen genutzt, mit den Abfällen der Komposttoilette wird gedüngt. Auch den Hausmüll verwenden die Bewohner des alten Bauernhauses weiter. Zusammengepresst in Autoreifen und mit Lehm bedeckt dient er als Schlafstätte für Besucher. Plastiktüten, gebügelt und bunt bemalt, hängen zur Dekoration an der Wand.

Das Plumpsklo in Cocktailbar-Optik, der Behang an der Tür besteht aus gebügelten Platsiktüten.


„Als wir das Projekt starteten, schien uns Permakultur das geeignete Instrument zu sein, weil man durch sie lernt, verantwortlich mit der Natur umzugehen“, erklärt Alice. Und genau das brauche Palästina: „Menschen im Westen können sich aussuchen, ob sie besonders ökologisch leben wollen oder nicht“, so die 30-jährige Britin. „Hier ist es eine Frage des Überlebens.“ Es gibt genug palästinensische Bauern, die von ihren Feldern vertrieben werden. Wer zurückkehrt, muss häufig ohne Wasser und Elektrizität auskommen. 250 000 Menschen, so Alice, seien von gekappten Wasserleitungen betroffen.


Vor drei Jahren hat Alice den Schildkrötengarten mit gegründet.


In Workshops für Schulklassen und andere Interessierte erklären die Öko-Aktivisten aus Beit Sahour deshalb unter anderem, wie man auf den Feldern und im täglichen Gebrauch Wasser sparen kann, umgekehrt geben Einheimische Tipps für die Arbeit auf dem Feld. „Manchmal lernen wir von Einheimischen mehr als wir von ihnen“, sagt Alice. Es ist ein ständiges Nehmen und Geben.

Finanziert wird das ökologische Projekt zu Hälfte von freiwilligen Helfer aus dem Ausland, die für Tage, Wochen oder Monate in den Bustan Qaraaqa von Beit Sahour kommen und mitarbeiten. Der Rest setzt sich aus Fördergeldern unterschiedlicher Vereine und Firmen zusammen.


Alles findet im Bustan Qaraaqa Weiterverwendung.


Alice gefällt es hier in dem alten, steinernen Bauernhaus. Sie mag das Leben in der Natur, die Arbeit auf dem Land, die Unabhängigkeit. Sie kann sich vorstellen, noch lang hier zu bleiben, möchte damit aber auch nicht rechnen. Denn: „Am besten ist es doch für ein Projekt, wenn es überflüssig wird, weil die Menschen seine Hilfe nicht mehr benötigen.“

Dienstag, 8. März 2011

Heute ist Internationaler Frauentag

Da wünsche ich doch allen Frauen nur das Beste!



Angaben der Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland zufolge lebten Ende des Jahres 2010 rund zwei Millionen Frauen in den palästinensischen Gebieten. Mädchen und Jungen seien in Grundschulen fast anteilig vertreten, Universitäten würden sogar häufiger von Frauen als von Männern besucht. Auch der Anteil von Frauen im Erwerbsleben ist laut Webseite der Generaldelegation Palästinas gestiegen, von zehn auf 15 Prozent, ihr Gehalt ist mit 73 Schekel (etwa 14 Euro) pro Tag im Durchschnitt sogar höher als das der Männer (60 Schekel, etwa 12 Euro). Für den Internationalen Frauentag führte die palästinensische Regierung dieses Jahr einen bezahlten Urlaubstag für Frauen ein.